WHO – Zeiten des Bruchs

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erster Band der Familien-Saga, Trilogie

WHO – Zeiten des Bruchs
Familien-Saga, erster Band der Trilogie

Autorin: Angela C. Popp
Verlag: CulturTainment
 Erstveröffentlichung: 27. Dezember 2025

ISBN Taschenbuch: 978-3-988360-16-3
ISBN E-Book: 978-3-98836-017-5


Kapitel 1

Herbst 1984
1
Hamburg-Blankenese – Villa Bleicken, nachmittags
Gabriel schleicht sich durch das Entrée der Villa.
Niemand ist zu sehen, kein Laut dringt in seine Ohren. Er drückt sich eng an die Wand des Flurs und schiebt sich so bis zum Arbeitszimmer seines Vaters vor.
‚Gleich habe ich es geschafft‘, denkt Gabriel. ‚Carolin ist so traurig, dass Vater ihr das kleine Plüschhäschen weggenommen hat. Ohne schläft sie doch nicht so gut ein. Sie sei schon zu groß dafür sagt er. Wie gemein. Und auf keinen Fall sollen wir Mama davon erzählen. Sonst … Ich hole es ihr jetzt zurück. Warum ist er immer so gemein zu uns? Spielt nie, meckert nur. Da ist es mit Peter viel schöner!’
Vor der Tür des verbotenen Zimmers atmet er noch einmal tief durch, hält inne und drückt langsam die Klinke hinunter. Tatsächlich ist es nicht abgeschlossen, der Vater muss also im Haus sein. ‚Merkwürdig. Er ist doch immer in seinem Arbeitszimmer.’ Gabriel blinzelt durch den schmalen Türspalt.
Der schwere Eichenschreibtisch – leer. Der alte dunkle Ledersessel – verwaist. Mutig betritt Gabriel das Zimmer. Der dichte Teppich verschluckt seine Schritte. Er reißt die obere Schublade der Anrichte auf. Das Häschen seiner Schwester liegt gleich oben. Er greift hastig danach.
Eine Hand reißt ihn zurück. Er wird auf den Boden geschleudert.
„Was erdreistest du dich?“ Die Stimme seines Vaters ist gefährlich leise.
Gabriel umklammert das Häschen, springt auf und rennt, als ginge es um sein Leben. Hinter sich hört er die schweren Schritte des Vaters. Es folgt ein metallisches Klirren. Gabriel weiß – er hat den Schürhaken vom Kaminsims gerissen.

2
Der Junge ist schweißüberströmt, rennt den Flur hinunter, Richtung Küche. Vielleicht ist seine Mutter dort. Vielleicht kann sie ihn retten. Nur sie könnte es …
Hinter ihm donnert die Stimme seines Vaters: „Wage es nie wieder, in meine Gefilde einzudringen, du Nichtsnutz!“
Gabriel quetscht sich in einen Türrahmen. Er hält den Atem an. ‚Vielleicht läuft der Vater in die andere Richtung. Vielleicht geht er vorbei. Nein, die schweren Schritte kommen näher.‘ Er stürmt weiter. Es fühlt sich an, als seien seine Beine schwer geworden. Seine Schritte kürzer.
„Bleib gefälligst stehen und nimm deine Strafe entgegen wie ein Mann!“
Gabriel weiß es besser. Er spürt immer noch das harte Leder des Gürtels seines Vaters vom letzten Mal auf seinem Rücken. Diesmal wird er es nicht abwarten, nicht einfach ertragen. Er wird es endlich seiner Mutter sagen, diesmal ja.
„Gut, du willst es nicht anders. Ich schlage dich grün und blau.“
Der Junge rennt, er stolpert, fängt sich wieder, die rettende Küchentür vor sich. Ein Teppichrand bremst ihn. Er strauchelt. Er fängt sich halb, stützt sich am Türrahmen ab.
Im nächsten Moment ist der Vater über ihm. Gabriel rollt sich zur Seite, als der Griff des Schürhakens auf den Boden knallt. Er entgeht knapp dem Schlag. Die Kellertür ist offen. Gabriel macht einen verzweifelten Satz dorthin, stolpert hindurch.
Er spürt einen mächtigen Schlag auf seinem Rücken. Er kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sein Körper kippt nach vorn. Er fällt. Er fällt und fällt.

3
Ein dumpfes Krachen. Überall Schmerz. Gabriel spürt den kalten Fliesenboden in seinem Gesicht. Er versucht, sich zu bewegen. Etwas Hartes bohrt sich in sein Bein. Er kann sich nicht bewegen. Das geringste Zucken schickt brennende, heiße Wellen durch den ganzen Körper.
Er hält das kleine Stoffhäschen seiner Schwester immer noch krampfhaft in der Hand, blickt die Treppe hinauf.
Die dunkle Silhouette des Vaters ist ein einziger schwarzer Schatten.
Gabriel hält den Atem an. Stille. Die schweren Schritte entfernen sich. Thompson lässt von ihm ab.
Erleichterung – um den Jungen herum wird es schwarz.

4
Andrea tritt aus der Küche. Sie hat Geräusche gehört, sieht die offene Kellertür und ahnt schreckliches. „Gabriel?“, ruft sie mit sanfter Stimme, doch sie bebt. Das kann Andrea nicht unterdrücken. Angst wird in ihr übermächtig. Sie geht vorsichtig die Kellertreppe hinunter.
„Gabriel?!“ Sie entdeckt ihn ohnmächtig vor den Vorräten. Das Häschen hält er in seinem Arm. Ein Anblick, der ihren ganzen Körper zum Erzittern bringt.
Andrea geht auf ihn zu, fasst ihn vorsichtig an die Schulter. Ihre Hand zittert so stark, dass sie ihn erst gar nicht greifen kann. Sie dreht ihn langsam zu sich. „Gabriel, Liebling!“ Tränen schießen ihr in die Augen. Ihre Stimme klingt blechern und überschlägt sich, als sie schreit: „Marie! Hilfe! Schnell! Gabriel muss in das nächste Krankenhaus!“

Kapitel 2

1
Hamburg-Blankenese – Krankenhaus Tabea
Andrea sitzt am Bett ihres Sohnes. Sie streichelt sanft seine kalte Hand. Immer wieder fällt ihr Blick ängstlich auf die angeschlossenen Geräte. ‚Wenn der Arzt doch endlich Zeit hätte‘, denkt sie. ‚Ich halte die Spannung nicht mehr aus. Mein Junge ist so blass, fast durchsichtig wirkt seine Haut. Was ist nur mit ihm?’
Die Tür öffnet sich und Doktor Niendorf winkt ihr zu:
„Frau Thompson“, spricht er sie vorsichtig an. „Wir haben einen Einblick in das Befinden ihres Sohnes. Wenn Sie sich bitte in mein Zimmer bemühen möchten?“
„Gott sei Dank“, flüstert Andrea, küsst ihren Sohn auf die Stirn und steht auf. „Die Anspannung ist unerträglich.“

2
Ihr Blick ist auf die Röntgenbilder gerichtet, wie festgenagelt. Es scheint, als würde sie die Worte des Arztes überhaupt nicht wahrnehmen. Nur der Satz ‚das ist ein bleibender Schaden, das Bein wird steif bleiben‘, hallt immer wieder durch ihren Kopf.
„Frau Thompson?“ Der Chefarzt sieht sie fragend an.
„Oh, bitte entschuldigen Sie, Dr. Niendorf. Ich habe tatsächlich nicht mehr zuhören können.“ Tränen ersticken ihre Stimme.
„Ich verstehe Sie gut. Es ist wirklich ein Schock. Eine lebenslange Behinderung ist keine Kleinigkeit. Das muss verdaut werden. Weder für Ihren Sohn noch für die restliche Familie wird das einfach. Auch psychisch bedarf es da einiger Betreuung.“
Andrea fällt ihm ins Wort. „Das wird mein Mann nicht zulassen. Er ist immer …“
Nun ist es der Arzt, der Andrea unterbricht. „Frau Thompson, Ihr Mann wird in nächster Zukunft kleine Brötchen backen. Er muss sich für die Tat verantworten. Die Kriminalpolizei wird sich um ihn kümmern.“
„Aber, das geht doch nicht. Was für ein Skandal. Die Leute werden reden, die Presse fällt über uns her! Meine Mutter dreht durch, sie wird mich …“
„Lieber Ihre Frau Mutter und die Presse, als Ihr Mann noch einmal über ihren Sohn, Frau Thompson!“ Der Ton des Chefarztes ist scharf, als er Andrea unterbricht „Vielleicht haben Sie meinen Satz nicht gehört, dass Gabriel fast gestorben wäre.“
Andrea rollen erneut die Tränen. Doch Doktor Niendorf fährt unerbittlich fort: „In solchen Fällen von Gewalt sind wir gesetzlich verpflichtet, die Polizei zu informieren. Ich appelliere an Sie als Mutter und Frau: Zeigen Sie ihren Mann an. Den nächsten Gewaltausbruch überlebt das zukünftige Opfer vielleicht nicht mehr.“

3
Villa Bleicken – Arbeitszimmer Josefs, am Nachmittag
Josef Thompson schwadroniert mit großen Schritten durch sein Arbeitszimmer. Clara Bleicken, seine Schwiegermutter, sitzt mit aufrechter Haltung auf einem der Sessel vor dem Schreibtisch.
„Setz dich gefälligst hin, wenn ich mit dir rede!“ Ihre Stimme ist leise, scharf und macht jedem Eiswürfel Ehre.
Josef bleibt stehen, zischt: „Ich lasse mich von dir nicht herumschubsen!“
Clara hebt nur leicht die Brauen. „Du vergisst, wem dieses Haus gehört. Und wer es jederzeit verlassen müsste, wenn ich es wünsche.“
Er erstarrt. Ein Muskel zuckt in seiner Wange. „Ich … ich habe mich lediglich verteidigt. Der Junge ist mir in den Rücken gefallen. Er hat…“
„Genug.“ Clara schneidet ihm das Wort ab. „Der Junge liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Andrea ist am Ende. Und du hast dich in deinem Wahn selbst entlarvt.“
„Ich bin der Mann in diesem Haus!“
„Du bist ein Gast.“ Ihre Worte sind nun kalt wie Stahl.
„Ein Mann warst du noch nie. Und wenn du hier noch etwas verweilen möchtest, solltest du sehr vorsichtig wählen, was du jetzt tust.“
4
Andrea steht im Salon, ihre Schultern sind nach vorn und oben gezogen, die Hände um eine Tasse Tee gekrampft. Marie, die langjährige Haushälterin, steht an der Anrichte, ohne sich zu setzen. Es ist eine stille Szene – zwei Frauen, die wissen, dass auch Dinge, die lieber nicht ausgesprochen werden wollten, doch gesagt werden müssen.
„Er wird es wissen wollen. Aber wie soll ich es ihm sagen?“ Andreas Stimme bricht fast. „Wie sagt man einem Kind, dass es nie wieder richtig laufen kann?“
Marie antwortet nicht sofort. Sie holt tief Luft „Behutsam. Und ehrlich. Er spürt doch längst, dass etwas nicht stimmt.“
Andrea nickt langsam. Ihre Finger umklammern die Tasse fester. „Ich habe es zugelassen, Marie. Ich habe es geahnt, doch nie hinterfragt. Zu lange. Es war doch bisher nur verbal – dachte ich …“
Marie geht zu ihr, legt eine Hand auf ihre Schulter „Sie haben überlebt. Sie beide. Das zählt jetzt.“
„Aber wie lebt man weiter mit einem Sohn, der …“ Andrea kann den Satz nicht beenden.
„Gar nicht so anders als vorher. Er wird Kraft brauchen. Und Liebe. – Und Sie. – Und natürlich auch seine kleine Schwester. – Und Oldenkamp ist auch noch da.“ Marie sieht sie ernst an. „Sie müssen jetzt stark sein, an Gabriels Seite, klar positioniert, Andrea.“
Ein stilles Nicken. Und dann geht Andrea, langsam, mit festen Schritten, das Gesicht bleich, Richtung Krankenhaus.

5
Hamburg-Blankenese – Krankenhaus Tabea
Gabriels Zimmer liegt am Ende des Flurs. Es riecht nach Desinfektionsmittel und Frühling – irgendjemand hat Flieder auf den Nachttisch gestellt. Auf einem Hocker neben dem Bett liegt eine Gitarre. Ein Lächeln umspielt Andreas Mund. Sie erkennt die Gitarre. ‚Er ist einfach immer da, schweigend, ohne viel Aufhebens. Vor allem ist er es für die Kinder. Auch immer.’
Ihr Sohn liegt still da, sein Gesicht wirkt blass, die Augen halb geöffnet. Andrea setzt sich an seine Seite, wiegt kurz seine Hand in ihrer. Ihr Blick fällt wieder auf die Gitarre. „Peter war hier. Hat er dir etwas vorgespielt?“
Sie ist unsicher, der Zwölfjährige spürt es. „Gabriel, mein Schatz…“ Ihre Stimme zittert kaum merklich. Er blickt sie an, schweigt.
„Du … du hattest einen Unfall. Einen schlimmen. Du bist gefallen … dein Rücken hat etwas abbekommen. Und dein Bein.“ Sie stockt. „Die Ärzte sagen, es wird … nicht mehr wie vorher.“
Gabriels Augen verengen sich, seine Stirn kräuselt sich – als wolle er etwas verstehen, das zu groß ist, etwas, dass sein Hirn auch gar nicht wissen will. Er zwingt sich. Nach einer längeren Pause sieht er seine Mutter an. „Du meinst, ich kann nicht mehr laufen?“
Andrea nickt langsam. „Jetzt noch nicht. Durch Physiotherapie lernst du es wieder. Doch etwas wird zurückbleiben.“ Sie streicht ihm über die Stirn, als könne sie den Satz damit wieder gutmachen, alle Gedanken einfach wegwischen. „Wir werden alles tun, damit es sich für dich wie immer anfühlt. Nichts ist endgültig. Wenn du trainierst, nicht aufgibst, bekommen wir das wieder hin. Du musst es wollen, mein Schatz.“
Gabriel dreht den Kopf weg. Eine Träne läuft ihm über die Wange. Andrea schließt die Augen, legt ihren Kopf auf die Schulter ihres Sohnes. Einen Moment lang bleibt alles still. Dann öffnet sich die Tür.
Josef Thompson steht im Raum, der Blick hart, das Kinn trotzig erhoben. „Ich will mit meinem Sohn sprechen.“
Andrea erhebt sich langsam. Ihre Haltung ist gerade, unnachgiebig. „Nicht heute. Nicht hier. Vielleicht nie mehr.“ Ihre Stimme ist ruhig, aber bestimmt.
„Das ist lächerlich. Ich bin sein Vater!“
„Nein, Josef. Du bist der Grund, warum er hier liegt.“ Sie stellt sich vor das Bett ihres Sohnes. „Verlass das Zimmer.“
„Was glaubst du wer du..!“ Josef wird laut und erhebt die Hand. In ihren Augen blitzt Feuer auf. Sie sieht ihn mit aller Verachtung, der sie mächtig ist, an.
„Raus!“
Er will noch einmal widersprechen. Doch etwas in Andreas Blick hält ihn zurück. Zum ersten Mal weicht er – mit zusammengepressten Lippen – ohne ein weiteres Wort.
Die Tür fällt leise ins Schloss.
Gabriel schaut sie erstaunt an. „Deshalb wollte ich zu dir fliehen. Ich wusste, du bist die Einzige, die mich schützen kann.“
Andrea kehrt zu Gabriel zurück, setzt sich wieder an seine Seite, nimmt seine Hand. „Ich bin hier. Ich gehe nicht weg.“

Kapitel 3

1
Hamburg-Blankeneese – Elbchaussee, ein warmer Oktobertag
Ein warmer Nachmittag, irgendwo zwischen Schattenspiel und Sonnenflecken. Der Spielplatz liegt ruhig in der flirrenden Luft. Die Elbe glitzert durch die Bäume, Möwen kreischen in der Ferne.
Carolin kreiselt auf dem Kletterkarussell, lacht hell auf „Schneller, Peter! Nochmal!“
Oldenkamp – die Jacke über dem Arm, das Hemd leicht aufgeknöpft – stellt sich neben das wackelige Ding, seufzt. „Wenn ich gleich umfalle, bist du schuld.“
„Warum? Du bist doch noch so jung!“, ruft sie kichernd und hält sich am Geländer fest, während er sie noch einmal in Schwung bringt.
„Danke, aber so jung auch nicht mehr“, lacht er.
„Ach, viel jünger als unser Vater. Deshalb kann der auch nie mit uns spielen. Oder in den Zoo gehen.“
„Na, dann gehen wir doch morgen in den Zoo.“
„Jaaaa, ja Peter – du bist der Beste!“ Carolin quietscht vor Freude.
Andrea sitzt auf der Bank daneben, die Füße in den Sand gestreckt, eine Zeitung auf dem Schoß, aber die Augen auf den beiden. Sie trinkt Cola aus einer Glasflasche, stellt sie mit einem dumpfen Klack neben sich ab. „Du verwöhnst sie“, sagt sie beiläufig.
Oldenkamp grinst, dreht sich zu ihr. „Sie ist acht. Wenn ich sie jetzt nicht verwöhne, wann dann?“
Carolin springt vom Karussell, barfuß, voller Energie.
„Mama, guck! Ich hab Sand in der Hose!“
Andrea hebt eine Augenbraue. „Und den nimmst du mit nach Hause. Viel Spaß beim Ausschütteln.“
Carolin stakst zur Rutsche, singt dabei irgendeinen schrägen Schlagerfetzen. Oldenkamp setzt sich neben Andrea, wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Du wirkst so ernst. Ich dachte, unser Besuch hier lenkt dich etwas ab.“
„Ja, das ist auch so. Doch auf der anderen Seite …“ Sie seufzt laut auf.
„Aber du weißt, dass das gefährlich ist.“ Er sieht sie lange an, dann schweigt er.
Carolin ruft von der Rutsche: „Mamaaaa! Guck maaaal! Ich kann rückwärts!“
Andrea winkt und ruft zurück: „Und morgen kannst du fliegen!“
Oldenkamp lehnt sich zurück, lässt den Kopf in den Nacken fallen. „Weißt du, was ich manchmal denke?“
„Sag’s nicht“, murmelt Andrea. „Ich denke es auch.“

2
Villa Bleicken – November 1984, drei Wochen später
Josef Thompson steht mit verschränkten Armen vor dem Fenster seines Arbeitszimmers. Der Blick nach draußen ist starr, doch sein Körper wirkt gespannt – wie ein lauerndes Tier. In der rechten Hand hält er ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Hamburg. Als sich die Tür öffnet, dreht er sich langsam um. Andrea tritt ein, aufrecht, mit ruhigem, festem Schritt.
„Du willst mit mir reden?“, fragt er spöttisch. „Oder bist du nur gekommen, um mir wieder Vorwürfe zu machen?“
Andrea schließt die Tür langsam und mit Bedacht hinter sich. Sie bleibt stehen, kein Zögern, kein Zittern in der Stimme. Nicht ein Zucken in ihrem Gesicht verrät ihre Gedanken, als sie den Briefkopf schnell liest:

Staatsanwaltschaft Hamburg
Ermittlungsverfahren gegen Josef Thompson
wegen des Verdachts der Körperverletzung (§ 223 StGB) sowie Misshandlung Schutzbefohlener (§ 225 StGB)

„Ich bin gekommen, um dir etwas klarzumachen“, sagt sie ruhig. „Du hast offenbar vergessen, mit wem du verheiratet bist.“
Thompson schnaubt abfällig.
„Ach, Andrea, hör auf mit diesem arroganten Getue. Die große Hotelerbin, die sich nie die Hände schmutzig macht – und jetzt willst du mir drohen?“
Andrea geht langsam auf ihn zu, bleibt dann stehen. Ihre Stimme ist leise, doch jeder Ton sitzt wie ein Schlag. „Ich bin eine Bleicken. In dieser Stadt hat dieser Name Gewicht. Du bist nur der Mann, den ich aus falsch verstandener Loyalität gegenüber meiner Mutter geheiratet habe. Aber Loyalität endet, wo Gewalt beginnt.“
Er lacht hart. „Du brauchst mich. Ohne mich bist du gar nichts, du hast nie gelernt, zu kämpfen.“
Sie schnaubt verächtlich, lässt ein hartes Lachen hören. „Ich habe überlebt. Ich habe Gabriel beschützt, als du ihn töten wolltest. Und ich werde dafür sorgen, dass meine Tochter niemals in deine Nähe gerät. Ich habe geschwiegen – zu lange. Wegen meiner Mutter, weil ich ihren Wunsch respektieren wollte – eine gute Tochter sein. Doch jetzt erinnere ich mich daran, wer ich wirklich bin. Und wer bist du? Ein Mann, der einen zwölfjährigen Jungen zum Krüppel geschlagen hat – seinen eigenen Sohn.“ Andrea lacht nochmals kurz und hart auf. Ihre Stimme trieft nur so vor Verachtung. „Du bist erledigt, Josef. Du hast deine letzte Chance verspielt.“
Er geht einen Schritt auf sie zu, doch sie bewegt sich keinen Zentimeter. Sie sieht ihm direkt in die Augen. „Wage es! Fass mich an – und ich lasse dich noch heute verhaften. Du erhältst sofort eine zweite Anzeige – die Staatsanwaltschaft kennt dich ja nun schon. Die Presse, die du fürchtest, wird sich auf dich stürzen. Und Clara wird dir die Tür vor der Nase zuschlagen.“ Andreas Stimme klingt höhnisch in seinem Ohr. Er stockt. Die Farbe weicht aus seinem Gesicht, auch wenn er sich Mühe gibt, die Fassade zu halten.
Andrea geht zur Tür, bleibt noch einmal stehen. Sie sagt spöttisch: „Du denkst, du könntest mich klein halten. Mich? Du? Nichts hast verstanden – Bleicken-Frauen brechen nicht. Schon gar nicht unter Männern wie dir.“

3
Villa Bleicken – Kaminzimmer, später Abend
Andrea betritt den Raum, wo Clara allein am Kamin sitzt. Ein Glas Portwein vor sich.
„Ich habe lange geschwiegen, Mutter. Jetzt will und muss ich es wissen. Warum hast du mich gezwungen, Josef zu heiraten?“
„Andrea, ich hatte keine Wahl.“
„Was heißt hier, keine Wahl? Du hast mich geopfert! Warum? Wofür?“ Andrea schüttelt ungläubig den Kopf. „Ich war 17!!!“
„Mein Mädchen, glaube mir. Es gab und gibt keine andere Möglichkeit. Die Wahrheit hat ihren Preis – ich habe entschieden.“
„Du weigerst dich also weiter, mir, der am stärksten Betroffenen, die Wahrheit zu sagen? Gut. Dann will ich die Scheidung von Josef.“
„Auf keinen Fall. Ein solcher Skandal würde unser Haus erschüttern. Das ruiniert uns nicht nur gesellschaftlich, auch wirtschaftlich. Wer will eine hanseatische Hotel-Familienkette mit Makel? Auch jetzt kann ich noch nicht anders. Bitte verzeih mir – du wirst…“
Andrea steht empört auf, ihr Stuhl fällt um, doch sie ignoriert es. „Nach allem, was sich hier in den letzten Wochen abgespielt hat, vertröstest du mich mit derart lapidaren Worten?“
Clara blickt auf und schweigt. Sie hebt langsam das Glas, sieht Andrea an, schweigt weiter. Doch ihre Hand, die das Glas hält, erinnert an einen jungen Baum im Wind so stark ist ihr Zittern.
„Danke Mutter, für nichts – ich werde es herausfinden. Meine eigene Lösung finden – ohne dich!“

Ende der Leseprobe
© 2025 Angela C. Popp / CulturTainment. Alle Rechte vorbehalten.
Das vollständige Buch ist erhältlich als Taschenbuch und E-Book:
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